Indian Summer in Ontario

Herbst ist die bunteste und auch die beliebteste Jahreszeit, um die Provinz Ontario im Südosten Kanadas zu besuchen. Vielleicht ist es das Märchen vom Indian Summer, der Elch, der gemütlich neben dem eigenen Kanu vorbeischwimmt, oder auch der Grillproviant, den man hoch am Baum festbinden muss, damit der Schwarzbär nicht rankommt, die das Gefühl vom perfekten Kanada-Märchen vermitteln. Na ja, und ich werde nicht lügen: Bestimmt sind es auch die echten Holzfäller-Jungs. Die, die nicht nur so tun als ob…P1090246P1090277P1090273Das 1,1 Millionen Quadratkilometer große Ontario besteht zu 20 Prozent aus Wasser. Hier wurde das Kanu von Indianern erfunden und es ist heute noch das wichtigste Transportmittel. Bei rund 400 000 Seen und Flüssen Ontarios macht es auch einfach mehr Sinn. Und Paddeln muss doch nicht nur für große Oberarme sorgen, sondern auch für Überlebenskunst – da wären wir wieder bei den Holzfäller-Jungs.P1090309P1090299P1090284P1090291Damit man von Anfang an beim Paddeln etwas mithalten kann, macht man ab besten einen Kanu-Kurs im Madawaska Kanu Centre. Meiner ging zwei Tage. Am meisten Spaß macht aber das Kanu-Leben außerhalb der Kurse: Schlafen in Waldhütten unter drei Decken…P1090303P1090066…Sonnenuntergänge am FlussP1090109P1090113…gesundes EssenP1090102…und Gemeinschaftsräume aus Holz wie damals im Ferienlager. Nur dass man Bier trinken darf und das ganze Grünzeug auch freiwillig isst.P1090093P1090139Das Madawaska Kanu Centre wird geleitet von Claudia Kerckhoff-Van Wijk. Sie hat deutsche Wurzeln, ist zehnfache kanadische Meisterin im Wildwasserkajak, Olympiakommentatorin und eine ausgezeichnete Yoga-Lehrerin. Und ich war stolz, ihre beste Schülerin zu sein. So früh wollte sonst keiner mitmachen… P1090140Claudia war auch diejenige, die darauf geachtet hat, dass wir nicht nur Speck mit Eiern essen, sondern auch etwas Joghurt mit Körnern. Ich brauche sie dringend in meinem echten Leben.P1090231P1090180Unserer Kanu-Lehrer hieß Ian und kam meinem Bild von Kanadiern, die in der Wildnis überleben würden, schon ziemlich nah. Außerdem sah seine Hose so aus, als hätte er einige Bärenangriffe überlebt. Auch das hat unser Vertrauen in ihn geweckt. P1090160Die ersten Versuche auf dem flachen Wasser…P1090530P1090418Später sind wir dann zum Bark Lake gefahren. Denn so richtig Spaß macht es erst, wenn man auch die Wildwasser-Strecken paddeln und etwas bumpen kann.P1090558Daniela und ich haben es überlebt. P1090316P1090326Die einzige Wasseraktivität, bei der ich auch ohne Lehrer vorankomme, ist Standup-Paddling.P1090333Bei dem eiskalten Wasser habe ich es natürlich besonders gefeiert, nicht reingefallen zu sein. Und mich später am Lagerfeuer und an den letzten Sonnenstrahlen des Tages aufzuwärmen.P1090341P1090345P1090585Die nächste Station auf unserer Ontario-Reise war Haliburton Forest Wildlife Reserve, ein 40 000 Hektar großer Wald mit 60 Seen und dem längsten Baumwipfelpfad Ontarios. Sein Besitzer, Peter Schleifenbaum, wanderte 1988 aus dem Sauerland nach Kanada aus, weil er das riesige Waldstück (halb so groß wie Berlin) geerbt hat. Wenige Jahre später machte der promovierte Forstwirt daraus ein Naturschutzgebiet, das sich heute zu 50 Prozent aus Ökotourismus finanziert. Man kann hier entweder Cottages mieten oder zelten. P1090634P1100179P1090825Solange es noch Tageslicht gab, sind wir mit einem größeren Kanu zum Baumwipfelpfad gepaddelt. Damit man die Seen und den Wald besser sehen kann, baute Peter Schleifenbaum ihn 1996 in die dichten Kronen.P1090772P1090686P1090674P1090698Fast eine Stunde liefen wir über die wacklige Brücken bis zu einer hängenden Aussichtsplattform.P1090720Und auch wenn der Weg etwas adrenalingeladen war: Von hier hat man tatsächlich DIE gesicherte (im echten und im übertragenen Sinne) Wow-Aussicht. Und noch viel wichtiger: Es gab Tee und Kekse.P1090713P1090810P1090802Und wie bestellt, ging bei unserer Rückkehr zum Kanu gerade die Sonne unter.P1090850Peter Schleifenbaum wäre natürlich kein richtiger Deutscher, wenn er nicht sein eigenes Haliburton-Bier hätte. Und Fisch ohne Sahnesauce servieren würde. Beides top!P1090860Was nach dem Essen passierte, war eines der unvergesslichsten Momente meines Lebens. Peter Schleifenbaum hatte schon erzählt, dass er ein Wolfscenter für verwaiste Tiere aufgebaut hat, das wir uns am nächsten Tag anschauen wollten. Sagte dann aber, dass wir die Wölfe schon vorher kennenlernen könnten. Da standen wir also nachts mitten im stockdunklen Wald, starrten still gegen den Himmel und die Sterne kleben auf unseren Nasen wie Sommersprossen und auf einmal fing Peter an, ein Wolfsheulen nachzumachen. Eine Minute lang passierte nichts, ich war schon etwas gelangweilt, aber dann hörten wir von allen Seiten ein lautes Heulen, an die hundert Wölfe mussten es gewesen sein, die ihm antworteten. Danach wieder Ruhe. „Was haben Sie mit den Wölfen so besprochen?“, habe ich Peter später gefragt. Er sagte, er hätte das Alpha-Heulen nachgemacht – von einem Rudelführer, der ein neues Gebiet betritt. Die Wölfe haben geantwortet, dass das Gebiet schon besetzt sei und er nicht näher kommen darf. Elf Arten von Wolfsheulen gibt es insgesamt, 20 Jahre hat er gebraucht, um sie nachahmen zu können. P1090867P1090906Auch verwaise Elche und verwaiste Autos sind bei Peter willkommen.P1090936P1090998Und hier ist sie, die Queen Herself, die Alpha-Wölfin Luna (irgendwie bin ich von einem männlichen Alpha-Wolf ausgegangen, aber wie Jay Z schon sagte: “Ladies is pimps too”).  Neun Wölfe lebten zur Zeit meines Besuches im sechs Hektar großen Gehege. „Und wo kamen gestern die anderen her?“, fragte ich Peter. „Es waren nur neun. Sie schaffen es aber, ihre Stimmlagen so zu verändern, dass sie sich wie Hunderte anhören. Um mehr Angst einzujagen.“ Wölfe in Gefangenschaft heulen eigentlich nicht. Sie müssen sich hier also wohlfühlen.P1090985P1090877Danach gab es ein Trucker-Frühstück, einen kurzen Besuch bei den Huskies und schon mussten wir weiter.P1100108P1100292Nach etwa zwei Stunden Autofahrt kamen wir im Algonquin Provincial Park an: 7700 qm groß, 1500 Kilometer Kanu-Routen, nur 60 Kilometer Straße und die wohl schönsten Aussichtspunkte in ganz Ontario. Der schnellste (und der schönste) Weg führt also immer über Wasser. Kanus kann man hier mieten wie Autos und Ausstatter wie Algonquin Outfitters vermieten nicht nur die Boote, sondern auch die komplette Reiseausrüstung für mehrere Tage wie Zelt, Essen und Kleidung.P1100229P1100209P1100168P1100234Wir haben im gemütlichen Arowhon Pines übernachtet – direkt im Park und mit etwas feinerem Essen. Nach einer Woche Wildnis war diese Pasta mit Hummer herzlich willkommen. Da man die besten Momente irgendwie doch nie mit der Kamera festhält: Das Resort hatte auch eine Sauna und nach etwa einer Stunde schwitzen darin hatten wir dann endlich den Mut, dem “Go jump into the lake” Schild zu folgen.P1100243P1100244An unserem letzten Morgen sind wir um sechs Uhr morgens aufgestanden, um in völliger Dunkelheit mit Stirnlampen ausgerüstet zu einem Aussichtspunkt am Canoe Lake zu paddeln (danke fürs Wecken, Julian!). P1100621 Und trotz meines Meckerns hat sich das Aufstehen gelohnt: Wir haben die perfekte Indian Summer Woche erwischt. Die Birken leuchteten gelb, die Eichen in einem Orangeton und die Ahornblätter von einem hellen Rosa bis zu einem saftigen Purpur. Farben-Overload wie auf einem Hipster-T-Shirt. P1100653Die Ahornbäume haben mich am letzten Tag dann zum Glück doch noch daran erinnert, Pancakes mit Ahornsirup zu bestellen. Was wäre eine Kanada-Reise ohne!

Danke an Ontario Travel für diese schöne Reise!

Flug: Ab Tegel via Frankfurt nach Ottawa oder Toronto ab 665 Euro mit Air Canada. Übernachten: Im  Madawaska Kanu Centre kann man Unterkünfte im Paket mit Kanu- oder Raftingkursen buchen, z. B. ein Wochenende ab 200 Euro. Im abenteuerlichen Wald- und Naturreservat Haliburton Forest ab 50 Euro p. P. und Nacht in Cottages, Campen ca. 30 Euro pro Familie. Baumwipfeltour ca. 60 Euro, Eintritt zum Wolfscenter ca. 8 Euro, Kanu mieten ca. 20 Euro/Tag. Im komfortablen Arowhon Pines direkt im Algonquin Provincial Park ab 160 Euro p. P. und Nacht. Allgemeine Infos: www.ontariotravel.net/de

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