Patagonien: Ab in den Schnee-Süden

“Da brechen sie ein Stück vom Gletscher ab und tun es in dein Whisky-Glas, während du über knackendes Eis läufst.” Ich weiß nicht, ob es diese einprägende Schilderung einer Freundin war oder einfach mal die Lust, einen etwas anderen Urlaub zu machen, die mich nach Patagonien trieb. Im deutschen Hochsommer und im tiefsten argentinischen Winter. So weit in den Süden, dass es schon wieder kalt wurde.P2040468 P2040518 “Willkommen am Ende der Welt”, steht auf einem Hinweisschild am Flughafen von Calafate, als wir aus dem Flugzeug steigen. Auf der Karte ist er knapp über dem südlichsten Zipfel Argentiniens mit dickem roten Punkt markiert. Welthauptstadt der Gletscher nennt man diesen im Laufe der letzten zehn Jahre von rund 6400 auf 20 000 Einwohner angewachsenen Touristenort am Lago Argentino im Süden Patagoniens.P2040522 Hauptgrund für den Boom war der Bau des Flughafens. Er ermöglichte einen viel schnelleren Zugang zu den berühmten Gletschern der Region, sie heißen Upsala, Perito Moreno und Spegazzini. “Minus elf heute”, sagt der Pilot, während er mit seiner dicken Winterjacke an uns vorbeigeht. Für manchen mag diese Bemerkung das Ende der Welt bedeuten. Nicht für meine beste Freundin Caro und mich – wir sind stolz, in diesem Sommer nicht an einem überfüllten europäischen Strand zu liegen. Nein, wir bezwingen den Gletscher, gefährliche Tiere und trinken dabei Whisky – so kalt wie noch nie. P2060685P2060225“Welche Whisky-Tour?”, fragt uns der Mann an der Rezeption. “Ah, die Gletscherwanderung? Nee, die gibt’s gerade nicht. Der Gletscher ist gesperrt, ist zu viel Schnee gefallen.” Schweigen. “Und gefährliche Tiere?”, haken wir nach. “Na ja, es gibt viele Hunde. Und ihr könnt reiten gehen …” Frustriert ziehen Caro und ich in unser Häuschen und gehen zum Lago Argentino spazieren…P2040643P2040681P2040702…um zu sehen, dass alles halb so schlimm. Der verschneite See wirkt wie aus einem Märchen gefallen. Die weißen Wolken hängen unter den mit Schnee bedeckten Bergzipfeln und über den mindestens genauso weißen Pferden, pinke Flamingos steigen vom Eisspiegel des größten Sees des Landes hoch. P1020392P1020403P1020433P2060224Und als wir zurück zum Hotel kommen (mit einer Flasche argentinischen Rotwein im Gepäck, versteht sich), warten schon unsere Hunde auf uns. Die wir dann trotz Verbote der Rezeptionisten mit ins Bett nehmen. Wir haben ja nicht umsonst unser eigenes Häuschen gebucht. Wir waren übrigens im Hotel Blanca Patagonia Hostería Boutique Hotel y Cabañas – zwar nicht besonders zentral, aber günstig und mit tollem Blick.P2060240P1020472Um halb sieben klingelt am nächsten Morgen der Wecker. Man kann zwar nicht auf den Gletscher, aber zumindest direkt davor. Unsere Tour (ca. 60 Euro von allen Hotels buchbar) startet bald, es ist noch ganz dunkel. Ich versuche, meinen Fuß in die von Oma gestrickte Wollsocke zu quetschen, um dann, noch auf einem Bein springend, den Skianzug von der Heizung zu holen. Wessen Idee war das das eigentlich mit Patagonien im Sommer? Wir checken noch neidisch ein paar Bikini-Badeseefotos unserer Freunde aus Deutschland, dann fahren wir los.P1020732Nach über einer Stunde Fahrt von Calafate erreichen wir den 80 Kilometer entfernten Nationalpark Los Glaciares. Zunächst fahren wir mit einem Schiff an den Gletscher ziemlich nah heran. Das war der erste Gletscher, den ich je gesehen. Diese Erfahrung war sogar schöner als meine erste Pizza.P1020742P1020767P1020948P1020946P1030134Halbe Stunde später sind wir runter vom Boot. Und nach weiteren 20 Minuten Autofahrt stehen Caro und ich endlich vor dem Perito Moreno, dem wohl berühmtesten Gletscher der Welt. Von der Unesco 1981 als Teil des Nationalparks zum Weltnaturerbe erklärt, zwängt er sich auf über 30 Kilometern Länge durch die Schluchten der Anden.CalafateSeine Zipfel erinnern an eine sehr sehr große Baiser-Torte. Die Gletscherfront ist eine siebzig Meter hohe, unfassbare Eiswand, die in den Lago Argentino ragt. Wir stehen ameisenklein auf der Aussichtsplattform und sind für einige Minuten einfach nur sprachlos.P1030117P2050088Immer wieder ertönt etwas, das wie ein Schuss klingt, wir ducken uns aus Reflex. Dann sehen wir, wie ein Riesenblock Eis in das türkisfarbene Wasser stürzt. Perito Moreno ist ein Naturwunder, denn während fast überall auf der Welt die Gletscher schmelzen, wird dieser hier nicht kleiner. Er bewegt sich immer nur so viel nach vorne und bricht so viel ab, wie er hinten ‘nachwächst’. Aktuell sind es etwa 70 Zentimeter pro Tag. P2050128P2050130Wir laufen durch das Netz von Aussichtsplattformen, von jedem Winkel zeigt der Gletscher andere Baiser-Muster. Ab und zu kommt wieder ein Schuss. Ich könnte Stunden hier bleiben. Auf der einen Seite ist es natürlich schade, dass wir nicht auf den Gletscher rauf können – wie zur Hauptsaison in unserem Winter und im argentinischen Sommer. Auf der anderen Seite soll es zu dieser Zeit sehr windig sein und das Wasser nicht so klar. Alles hat also seine Vorteile.P2050373P2050291P1030363Eine Spezialität der Region ist Lamm, gegrillt am offenen Feuer. Schmeckt unglaublich zart, aber eine Portion reicht für zwei. Und das sage ich als ambitionierte Esserin. Wir waren im Parilla Don Pichon, es war einfach am besten bewerten und ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo besser schmeckt.P1030345P2050529P1030361Und wer hätte das gedacht: Es gibt sogar patagonischen Wein vom Ende der Welt.P2040773Neuer Tag, neuer Ausflug. Dieses Mal geht es nicht zu Gletschern (zumindest nicht vorrangig), sondern auf eine Schiffsfahrt durch die Eisberge.P2050596Und wieder mitten in der Nacht aufstehen und gute Laune simulieren.P2050717Zum Glück wurde es schnell besser – nämlich mit dem ersten Eisberg. Die Sonne hat uns zwar an diesem Tag verlassen, aber die Eisberge wirken sowieso viel blauer und somit schöner, wenn es bewölkt ist (bei zu viel Licht sind sie einfach nur weiß). Sie verändern ihre Form täglich. Es war wie eine Fahrt durch eine vereiste Skulpturengalerie.P2050834P2050726P2050840P2050879P2050856Dieses Foto hat zwar nicht wirklich geklappt, aber angesteckt von den ganzen Asiaten und von Kate&Leo mussten wir es auch einfach mal versuchen…P2050882P2050896P2060036P2060129P2060162P2060286So kuschelig und gemütlich wir es auch hatten: Irgendwie wurde auf unserer ganzen dreiwöchigen Argentinien-Reise ständig jemand krank. Und alle Flüge und Ausflüge waren im Voraus bezahlt. Da habe ich zum ersten Mal über eine Reiseabbruchversicherung nachgedacht. Daran merke ich, dass ich entweder erwachsen werde oder eindeutig zu viel Spaß habe auf Reisen. Später habe ich eine gefunden, die genau passt: Reiseabbruchversicherung von Allianz Reiseversicherung (internationaler Marktführer) unterscheidet nämlich nicht zwischen privat unternommenen Urlaubsreise oder Geschäftsreisen – meistens endet ja genau an diesem Punkt der Reiseschutz. Sie ersetzt bei einem versicherten Reiseabbruch (z.b. schwere Erkrankung oder Unfallverletzung, Schaden am Eigentum, unerwartete Kündigung oder Jobwechsel) die Rückreisekosten wie neue Flüge, Shuttlebusse, zusätzliche Hotelkosten. Darüber hinaus wird der anteilige Reisepreis nicht genutzter Leistungen erstatten, z.B. im Voraus bezahlte Übernachtungskosten, Touren und sogar Spabehandlungen. So schläft es sich doch gleich viel ruhiger…P2060394Am letzten Tag der Reise sitzen wir dann doch noch auf einem Pferd am Ende der Welt. Zwei Stunden reiten wir durch die unwirkliche Landschaft um Calafate. Caro liebt Pferde, ich komme nur mit, um Angeberfotos zu machen. Und weil die Bars noch zu sind.P2060411P2060420P2060497P2060555P2060640P2060644Am Ende des Ausritts hat uns unser Gaucho (nach seiner Aussage, der letzte echte Argentiniens. Wo anders wären Gauchos keine echten Männer mehr, sondern nur noch eine Touristenattraktion) auf einen Tee in seine Hütte eingeladen. Top-Sehenswürdigkeit von Calafate, gleich hinter dem Perito Moreno.P2060657P2060655Also tranken wir Mate statt wie geplant Whisky mit Eiswürfeln – schmeckt auch, vor allem mit einem Kuss von dem einzig wahren Gaucho. So schlimm ist der argentinische Winter doch gar nicht…

Hinterlasse eine Antwort


− 6 = zwei