Spitzbergen: Das nördlichste Reiseziel der Welt

Nur 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt, fast vier Monate lang komplette Dunkelheit, zu 60 Prozent von Gletschern bedeckt. Als ich vor meiner Abreise Anfang August wirklich alle Wollsocken, die ich besitze, in den Koffer werfe und dabei durch die Wetter-App scrolle, halte ich es zunächst für einen Systemfehler. Spitzbergen-Vorhersage für morgen: 13 Grad, 17 Sonnenstunden. Sonnenuntergang: Gar nicht.P1020989P1020978P1030011Unser Flieger landet am nächsten Tag exakt um Mitternacht in Longyearbyen, dem Hauptort der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen im Nordatlantik. Die Sonne scheint am Horizont. Wenige Minuten später geht sie auch schon wieder auf, ohne überhaupt untergegangen zu sein. P1030034 Auf Spitzbergen leben mehr Eisbären als Menschen. Vier Monate lang kann man sie aber gar nicht sehen, denn da herrscht Polarnacht.P1030038P1030052P1040756Das Holzhaus-Dorf mit 2300 Einwohnern und dem unaussprechlichen Namen Longyearbyen gilt als das nördlichste Reiseziel der Welt. Natürlich kommt man dem Nordpol auch noch näher, irgendwie, aber Longyearbyen hat eben den nördlichsten Flughafen, den man mit Linienflügen erreichen kann. Auf Spitzbergen befindet sich auch die nördlichste Brauerei der Welt, das nördlichsten Postamt der Welt und wahrscheinlich auch das nördlichste Alles der Welt.P1030075Hier wachsen keine Bäume und nur sehr wenige Pflanzen. Das weiße Wollgras sprießt aber überal.P1030097P1030106Ganz hell ist es aber nur bis Ende August – dann geht die Sonne zum ersten Mal für wenige Sekunden unter. Ab dann gibt’s täglich etwa 20 Minuten weniger Licht, bis am 26. Oktober die Polarnacht beginnt. Bis zum 16. Februar ist der Tag so dunkel wie die Nacht. Aber die Augen gewöhnen sich dran, sagen die Enheimischen. Man habe ja die Sterne und die Nordlichter. Trotzdem kommt Spitzbergen auf eine jährliche Sonnenstundenzahl von 1150 – vom 20. April bis zum 26. August geht sie ja schließlich gar nicht erst unter.P1030115P1030084Im Sommer parken vor den Häusern Schneemobile wie Autos. Je nach Reisezeit sind auf Spitzbergen völlig unterschiedliche Aktivitäten möglich. Ungefähr neun Monate pro Jahr sind die Fjorde und Meerengen eine einzige große, undurchdringliche Eisfläche. Die meisten Ausflüge finden dann auf einem Schneemobil oder eben mit einem Huskyschlitten statt. Im Sommer haben Huskyschlitten aber Räder. Und mann fährt mit Schiffen oder Kanus an die Gletscher heran.P1030123P1030153P1030165P1030166Die Huskys rennen auch im Sommer jeden zweiten Tag, um für den Winter fit und knackig zu bleiben. Bei uns Menschen ist es ja eher andersrum.P1030304P1030297Svalbard1Den arktischen Zungen-Schönheitswettbewerb habe ich definitiv verloren…Svalbard2… und den Augen-Wettbewerb übrigens auch.P1030451P1030468Mit einem Quad kommt man auf Spitzbergen aber deutlich schneller voran. Den Anzug trage ich wegen des Staubs, nicht wegen der Kälte. Damit fährt man zu verschiedenen Minen und Forschungsstationen der Insel.P1030501Spitzbergen hat eine arktische Universität, ein Polarinstitut, Satellitenstationen und Radaranlagen außerhalb der Stadt. Die 32 und 42 Meter großen Parabolspiegel dienen der Erforschung der Atmosphäre, der Nordlichter und des Ozons.P1030458P1030524P1030530Svalbard6P1030539P1030567P1030570So wurden gejagte Robben früher aufgehängt, damit Eisbären nicht herankommen.P1030590Das legendäre Eisbären-Warnschild am Ortsausgang von Longyearbyen. Ab hier darf man nicht ohne Gewehr raus. Die Guides haben immer eins dabei – allerdings eher zur Abschreckung. Seit 1971 sind lediglich fünf Menschen infolge eines Eisbären-Angriffes gestorben, in das Dorf verirren sich die Tiere sowieso nur äußerst selten. Für den Fall müssen aber alle Türen offen bleiben – damit man gleich ins nächste Haus flüchten kann.P1030593P1030622Spitzbergen wurde vom Holländer Willem Barents im 16. Jahrhundert endeckt, als er die Nordostpassage nach Indien und China suchte und mit seinen Schiffen festgefroren ist. Er überlebte den Winter trotz Hunger, Schneestürmen und Polarbären in einem solchen Haus, das er aus Bootsresten baute. In diesem Nachbau kann man heute den Abend bei Suppe und Schnaps verbringen und mehr über die Geschichte des großen Seefahrers erfahren.P1030672P1030630P1030633P1030628P1030822P1030680Solange das Wasser auf Spitzbergen noch flüssig ist, muss man es ausnutzen. Zum Beispiel beim Kayaken auf dem Adventfjord – zu einer verlassenen Minenstation.P1030696P1030712P1030746Die Besiedlung Spitzbergens erfolgte in erster Linie ab etwa 1900 wegen reicher Kohlevorkommen. Die Arbeit wurde aber mittlerweile industrialisiert, viele Minengebäude sind heute verlassen.P1030748P1030785Aber noch super zum Hochklettern und Tee trinken.P1030853Was man nach so einem Kayak-Tag eben braucht: Lachs, Kartoffeln, Sauce.P1030874Darf ich vorstellen: Das ist Viggo Antonsen, unser coole Guide, der mit seinem weißen langen Bart ein wenig wie Käpt’n Iglo aussah.P1030866In diesem Gebäude befindet sich die Pflanzensamenbank Svalbard Global Seed Vault, die etwa 4,5 Millionen Pflanzensamenproben aus aller Welt beinhaltet (nur Nordkorea wollte nicht mitmachen). Die Kapazität reicht für 2,25 Milliarden Samen. So sollen vor allem wichtige Pflanzen wie Reis, Weizen oder Gerste für den Fall einer genetischer Verunreinigung und vor Verlusten durch Atomkriege, Naturkatastrophen oder Pflanzenepidemien bewahrt werden. Bis jetzt wurde die Arche Noah für Pflanzen bereits einmal angezapft: von Syrien. Traurig, wenn man bedenkt, dass man eigentlich davon ausging, dass man sie entweder gar nicht oder in ganz ganz vielen Jahren mal im Extremfall brauchen wird…P1030902P1030898Das Restaurant Huset ist wohl das schickste auf Spitzbergen mit – wie auch sonst – dem nördlichsten Weinkeller der Welt. Übrigens der einzige Weinkeller weltweit, der geheizt und nicht gekühlt werden muss.P1030907P1030858P1030931Einer der beliebtesten Ausflüge im Sommer ist ein Tagestrip mit einem Polarschiff zum Gletscher Esmark. P1040654P1030935Die Tafel der Hoffnung: Die Chancen den König der Arktis ist den fellgewordene Traum aller Spitzbergen-Reisenden zu sehen, stehen gar nicht mal so schlecht. Zum einen wird die Eisbären-Population von Spitzbergen auf 3500 Tiere geschätzt. Zum anderen wandern sie gerne an der Packeisgrenze die Küste entlang, da sie dort ihr Lieblingsessen, die Robben, finden. Ein Eisbär kann sie aus 32 Kilometer Entfernung riechen und braucht 50 bis 75 Stück im Jahr, um zu überleben. Und: Weibchen nehmen in der Schwangerschaftdas Doppelte ihres Gewichtes zu (von 250 auf 500 Kilo), obwohl das Baby bei der Geburt nur 500 Gramm wiegt. Sehr sympathisch!P1040025P1040102P1040193Vor dem Gletscher ruhten sich auf den Eisschollen Bartrobben aus, die Papageientaucher alberten im Wasser herum und kurz tauchte sogar ein Walross neben unserem Schiff auf. Mit Eisbären hatte ich aber kein Glück.P1040227 2P1040221P1040280P1040600P1040246P1040372P1040354Grillen im Regen oder im Schnee. In der Artkis gibt’s kein schlechtes Barbecue-Wetter!P1040328P1040651P1040673P1040605P1040720P1040733Verpasst vor ganzen Ausflügen aber nicht, einfach mal durchs Dorf zu laufen und zu schauen, wie die Leute hier so leben.Svalbard4Falls ich im Winter noch mal wiederkommen sollte, habe ich hier schon mal das passende Accessoire.P1040680P1040751P1040753Auch toll: Das Svalbard Museum erklärt anschaulich die Geschichte und die Natur von Spitzbergen. Und da habe ich ihn, meinen Eisbär. Was für ein schwacher Trost…P1040681P1040749P1040693

Flüge: Ab Berlin Schönefeld mit Zwischenstopp in Oslo nach Longyearbyen (ab 470 Euro/hin und zurück), buchbar über SAS oder Norwegian Airlines. Nicht verwirrt sein: Die Norweger nennen die Inselgruppe Svalbard und nur die größte Insel Spitzbergen. Übernachten: Im Radisson Blu Polar Hotel ab 80 Euro/p.P. und Nacht. Aktivitäten (alle Tagesausflüge ca. 100 Euro mit Essen): Kayaken oder zum Gletscher fahren mit Svalbard Wildlife Expeditions, Quad fahren bei Svalbard Adventure Group, Hundeschlitten bei Green Dog Svalbard. Top-Restaurant und Weinkeller: Huset. Auch gut: Restaurant Kroa, der Pub Svalbar und Karlsberger Pub. Einheimische Kunst kaufen: Galerie Storo. Allgemeine Infos: visitsvalbard.com. Erklärt anschaulich die Geschichte und die Natur von Spitzbergen: Svalbard Museum.

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