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Ilha Grande: Das schönste Gefängnis der Welt

Jahrhundertelang fest in der Hand von Piraten, zwischendurch eine Zwangskolonie für Leprakranke, danach 90 Jahre lang Gefängnisinsel für Drogenbosse und Schwerkriminelle – ach, eine Badass-Geschichte endete selten so schön wie auf Ilha Grande! Die 150 Kilometer lange Insel in Brasilien, gelegen zwischen Rio de Janeiro und São Paolo, wurde erst Ende der 90-er für den Tourismus freigegeben und hat immer noch keine Straßen, keine Bankautomaten, keine Zeugen (was auch immer Ihr vorhabt). Dafür aber dichten Urwald, 86 Strände, die wohl schönsten Pousadas (Ferienhäuser) Brasiliens und Helikopter- und Schiffswracks aus den Gangster-Zeiten zum Abtauchen. Man sagt, die Insel wäre verflucht, weil sie sich innerhalb von Sekunden in einen dichten Nebel hüllen kann – dann sieht man sie noch nicht einmal aus zehn Metern Entfernung. Wohl auch der Grund für die vielen Wracks vor ihrer Küste und die unzähligen gescheiterten Fluchtversuche. Mein Fluchtversuch nach zwei Tagen Aufenthalt ist leider nicht gescheitert, wir mussten weiter nach São Paolo, aber Ilha Grande ist für mich heute noch eines der magischsten Orte, die ich je gesehen habe.
P1210629P1210669Die meisten reisen von Rio de Janeiro an. Die 160 Kilometer bis Angra dos Reis kann man mit einem Bus (fährt alle zwei Stunden, ca. 15 Euro) zurücklegen oder auch mit einem Mietwagen (viel schöner, weil man dann an der Küstenstraße immer ausssteigen kann) . Danach fährt man eine weitere Stunde mit der Fähre auf die Ilha Grande (ca. 5 Euro). Im Hauptort Vila do Abraão bleiben die meisten Touristen, hauptsächlich Backpacker. Hier gibt’s günstige Hotels, ein paar Lebensmittel-Shops und Bars.P1220417P1210844Unser Glück im Unglück war, dass wir zur Karnevalszeit reisten und alle Hotels im Hauptort ausgebucht waren. Wir wollten aber unbedingt auf die Insel, also haben wir im Internet noch das letzte freie Zimmer in der Pousada Atlantica Jungle Lodge reserviert, irgendwo mitten im Dschungel auf der anderen Seite der Insel. Für die lange Reise, die wir machten, war das Zimmer überirdisch teuer (270 Euro/Nacht). Karnevalszeit eben, da verdreifachen sich die Preise. Als wir mit dem Boot im Hauptort abgeholt wurden und nach einer weiteren halben Stunde immer näher an unsere Pousada kamen, dachte ich nur: Ok, das Geld hätte man nicht besser investieren können. Oben auf dem Bild ist das Häuschen: Mitten im Urwald, nur drei Zimmer, ein Privatstrand in einer einsamen Bucht und die Köchin war nur für uns da (was sowieso mein Lebenstraum ist). P1210802P1210699P1210812 KopieTarnfarben angezogen, etwas rumposiert, ab an den Tisch. Die Köchin meinte, sie hätte gerade einen frischen Tintenfisch bekommen und solche Ansagen machen mich immer besonders schnell.P1210714P1210709P1210737P1210742P1210738Vor der Küste gab es eine schwimmende Bar, auf die man vom Essbereich aus geschaut hat und die auch zu unserer Pousada gehörte. Man konnte auch dort essen oder trinken. Zuerst musste man aber hinschwimmen oder hinpaddeln. Nach den vielen Bohnen keine Option mehr…P1220332P1220405P1220366Kurze Geschichte zu diesem Foto und vielen vielleicht merkwürdig erscheinendem Outfit: Vor der Reise hat mir jeder gesagt, ich soll bloß keine schönen Sachen und auf keinen Fall Schmuck nach Brasilien mitnehmen. Ein paar ausgewaschene Tops und eine Jeans-Shorts würden reichen. Mädels, es ist eine miese FALLE! In Rio angekommen, fiel ich sofort als Touri auf, weil ich einfach wie ein Zottel aussah. Und die ganzen hübschen Brasilianerinnen in ihren Kleidchen und mit Ohrringen und Ketten behangen – selbst im Wasser  – zwinkerten ununterbrochen meinem Freund zu. Da habe ich gesagt, ich verlasse nicht mehr das Hotel, bevor wir nicht einkaufen gehen. Das sind sie also: meine brasilianischen Shopping-Schätze. Aber ein richtiges Outfit kommt selten zur richtigen Zeit. Denn auf diesem Strand vor unserer Pousada waren wir alleine, keine Konkurrenz weit und breit. Und die Ohrringe daher etwas zu dick aufgetragen. Na ja, wenigstens ein Foto gemacht.P1220413P1220300Etwa 30 Gehminuten von unserer Pousada entfernt, war auch der berühmte Strand Lopes Mendes (auf dem Foto oben). Nett zu sehen, weil er regelmäßig unter die besten 20 der Welt gewählt wird, aber unsere Bucht war irgendwie netter – also sind wir noch rechtzeitig wieder zurück. Es dämmert auf der Insel nämlich schlagartig und man muss ja durch den Dschungel. Und der ist irgendwann voll mit Fledermäusen.P1220255P1210771P1220240P1210848Am nächsten Tag holte uns ein Boot ab (ca. 50 Euro/p.P., direkt in der Pousada buchbar). Das ist eine gute Gelegenheit für alle, die nur einen Tag bleiben, die gesamte Insel und ihre schönsten Strände zu sehen. Wir waren mit einer Gruppe von Kolumbianern an Board, was den Ausflug auch gleich viel lustiger machte. Vor allem, nachdem sie Ihre Flasche Pisco rausgeholt haben. P1210877P1210866P1220010 KopieP1220150P1220027P1220140Auf dem Weg schwammen noch ein paar Bars, die wir angefahren haben (denn der Pisco blieb nicht lange kalt) und ich hatte das Gefühl, noch nie in meinem Leben so viel saftiges Grün gesehen zu haben. Wasser, Dschungel, selbst das Licht war irgendwie grün.P1220177P1220211P1220182P1220217P1220076P1220104P1220063Die berühmteste Palme von Ilha Grande wächst auf der Praia do Aventureiro. Sie ist wohl der beste Beweis dafür, dass es nie zu spät ist, seine Meinung zu ändern und nach oben zu wachsen.P1220125P1220113 KopieP1220425Auf Ilha Grande könnte man eigentlich eine Woche lang Urlaub machen. Es gibt Gefängnis-Ruinen, Berge, Taucher-Höhlen, Wasserfälle, einen Leuchtturm… Hier ein Travelbook-Artikel, der die Insel, ihre Geschichte und Sehenswürdigkeiten sehr detailliert beschreibt. Wir mussten nach zwei Tagen wieder weg und lustigerweise kam ein dichter Nebel auf, als unser Boot langsam wegfuhr  –  so, dass man nach einer Minute die Insel überhaupt nicht mehr sah.

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Love me, Rio!

Diese Woche, als ich Karnevals-Fotos meiner Freunde aus Brasilien sah, konnte ich nicht anders: Ich holte meine letzte sicher gebunkerte Dose Guaraná (brasilianische Limo) aus dem Versteck und meine externe Festplatte aus dem Schrank und machte den Ordner “Karneval Rio de Janeiro” auf. Mit dem ersten Schluck und dem ersten Klick war ich sofort wieder katapultiert in die heißeste Stadt auf diesem Planeten. Wer einmal hier war, ist entweder schockverliebt oder kann den Hype überhaupt nicht nachvollziehen. Was dazwischen gibt es nicht, denn die Stadt ist auch nicht “dazwischen”. Meine Lieblingsaufnahmen, meine Lieblingsorte, meine Lieblingspartys aus der Stadt, die niemals angezogen ist:

1. COPACABANAP1170197P1170171Der Strand von Copacabana ist zwar weltberühmt, hat aber den Ruf etwas “altbacken” zu sein. Altbacken heißt bei den Brasilianern dann sowas wie “die Eisverkäufer sind nicht ganz so schnell” und “nicht alle Mädchen tragen Tanga-Bikinis”. Das letztere ist tatsächlich ein Skandal. Denn der Tanga-Bikini gehört zum Dresscode. P1170193An manchen Exemplaren kann man sich gar nicht sattsehen…P1170203…an anderen dagegen schon etwas schneller…P1170226 2…und wiederum an anderen ganz schnell! Ich hatte den knappsten Bikini mit, den ich besitze und sah damit trotzdem aus wie ein Tiefseetaucher. Zum Glück gab’s am Strand meine geliebte Guaraná-Limo als Ausgleich – damit wirkte ich dann etwas einheimischer.P1170228P1170204Die Wahrzeichen von Copacabana sind das Copacabana Palace (das teuerste Hotel in Rio) und die gewellten Keramikfliesen an der Promenade. P1170251P11702482. ESCADARIA SELARÓN P1200466An diesen Treppen saßen schon Pharrell Williams und Snoop Dog beim Dreh ihres Musikvideos zu “Beautiful”. Wisst Ihr noch: “Beautiful, I just want you to know you’re my favorite girl”. Die Geschichte hinter dieser Treppe ist aber eine traurige: Der chilenische Künstler Jorge Selarón, nach dem die Treppe auch benannt ist, legte aus Liebeskummer mehr als 2000 Kacheln an 215 Stufen. Jeder konnte ihn an der Treppe besuchen und Kacheln aus seinem Land mitbringen – insgesamt zieren hier angeblich Kacheln aus 60 Ländern Stufen und Wände. Vor zwei Jahren fand man den Ehrenbürgern von Rio im Altern von nur 65 Jahren tot auf seiner Treppe. Heute versammeln sich hier jeden Abend Musiker, aber Kacheln bringt leider keiner mehr mit.P1200489P12005353. LAPA P1170258P1170268Das Viertel Lapa im Stadtzentrum von Rio ist weder besonders schick, noch besonders nackt, spätestens ab 11 wird wird hier aber gewackelt (Samba, Forró, Choro) wie kaum irgendwo in Rio. Manche sagen, es wäre gefährlich, aber habt Ihr schon mal eine gute Party an einem ungefährlichen Ort erlebt? Eben! Auf dem Aquädukt (Arcos da Lapa) fährt tagsüber die berühmte Straßenbahn. P11702714. FAVELA ROCINHAP1200745P1200655P1200721P1200666P1200767Rocinha ist die größte Favela Rios und die drittgrößte der Welt. Wie die meisten Favelas, ist sie in die Berghänge gebaut und hat somit die beste Aussicht der Stadt. “In Rio haben die Armen wenigsten den besten Blick”, scherzt man hier. In Wirklichkeit herrschen in Favelas strenge Eigenregeln, Diebstahl ist zum Beispiel hoch verpönt – weshalb auch aufeinandergebaute Armenhäuser oft nur eine Straße weiter von nicht abgesperrten Luxusvillen stehen. Das sieht man sonst nirgendwo in Südamerika. Aktuell bemüht man sich, an der “Grenze” Schulen und Kindergärten mit gemeinsamen Pausenhöfen zu bauen.P1200758P1200774P1200769P12008065. IPANEMAP1190164P1190183Ein anderer brasilianischer Witz: “Ipanema ist da, wo man die beiden Hügel am schönsten sieht.” Ipanema ist tatsächlich bekannt dafür, dass sich hier die schönsten und die durchtrainiertesten Brasilianer versammeln. Zum Fußball spielen oder einfach nur zum Angeben. 80 Prozent können nämlich gar nicht richtig schwimmen. Wir kamen während des Karnevals vor Samba-Paraden immer hierher, um uns noch etwas zu sonnen, Hügel zu bewundern und ein paar Scampi-Spieße zu essen.P1190190P1190196P1190228P1190201P1190207P1190211P1190212P1190248P1190253P1190260P11902616. ZUCKERHUTP1200963P1200908Für den ganz großen Auftritt am Zuckerhut gibt es einen Helikopter-Landeplatz. Aber ehrlich gesagt: Fliegt lieber über der Christus-Statue (nächster Punkt), wenn Ihr die Wahl habt. Der berühmte Granitkegel Pão de Açúcar ist 396 Meter hoch (man fährt mit der Seilbahn nach ganz oben) und das reicht völlig aus für eine atemberaubende Aussicht – vor allem, wenn die Sonne untergeht…P1200995P12009397. CORCOVADOP1170625P1170660Ach, was soll man dazu sagen, außer, dass man vielleicht zum Corcovado (dem Berg mit der Christus-Statue) früh kommen sollte, um nicht ein Zahnradbahn-Ticket für “erst in zwei Stunden” zu bekommen. Dann sind nämlich viele verzweifelt und fahren mit den langweiligen Bussen hoch. Und verpassen so weitere tolle Aussichten aus der Bahn. P1170764P1170635rioP11707678. BOTANISCHER GARTENP1180049140 Hektar Ruhe, Palmen und Wasserfälle. Während des Karnevals war der Botanische Garten wie ein Rehab für mich. Na ja, nicht ganz: In Rio gibt es an jeder Ecke diese Caipirinhas aus Maracujas, Kiwis und Cashew-Frucht. Limetten sind von gestern und hier schon out.P1180096P1180008P1180104P11709639. SAMBÓDROMOP1170524P1170531Meine Bilder von den Samba-Paraden im Stadion Sambódromo findet Ihr hier. Die großen Paraden sind immer Sonntagnacht und Montagnacht. Am Freitag davor gibt es aber eine Parade, die vielleicht sogar noch schöner ist – wenn der Nachwuchs der Sambaschulen ihren großen Auftritt übt. Die ganze Familie rückt an, um das Mädchen kurz davor zurechtzumachen. Und die könnten stolzer nicht sein.P117050610. LEBLONP1170800An Strandabschnitten von Rio (wie Ipanema und Leblon) gibt es während des Karnevals so genannte Blocos – das sind kostenlose Straßen- und Strandpartys mit Musikern und “leichten Kostümen”. Richtig verkleiden tun sich nur die Paradeteilnehmer im Sambódromo – bei den Blocos reichen also schon ein paar Federn und ein paar Ohren. Wenn man keine Karten für die Paraden hat, ist das hier die schönste Alternative, um mitzufeiern. P1170819Ich habe eine Kokosnuss getragen…P1170830P1170794P1170847P1170791P1170880P1170904P1170919P1170887P117092711. CHURRASCARIAP1170947P1170944In Deutschland oft Rodizio genannt, machen die Churrascarias in Brasilien noch satter. Und schmecken so viel saftiger. Die Kellner gehen mit Fleisch-Spießen rum und schneiden Stücke auf den Teller, solange man den Button auf seinem Tisch auf grün lässt. Diese Fotos sind aus der Promi-Churrascaria Porcão – die ließen mich sogar für ein Foto in die Küche! Unten auf dem Bild: Oktopus mit Gemüse gegrillt und im Hintergrund Feijoada, ein traditionelles Sonntagsessen aus Bohnen und Fleischresten.P123018312. HOTELP1230120Noch teurer als Hotels in Rio sind nur noch… Hotels in Rio zu Karnevalszeit. Wir haben fünf Tage in einer Bruchbude ohne richtige Fenster für fast 200 Euro die Nacht gewohnt und sind am letzten Tag als Abschluss in eine superschöne Suite von Othon Palace an der Copacabana gezogen. Die hat dann ganze 70 Euro mehr gekostet, aber was für ein Unterschied! Zumindest für eine Nacht würde ich es daher jedem empfehlen, ein Hotel mit einer solchen Aussicht zu buchen. Der einzige Nachteil: Man bleibt den ganzen Abend auf dem Balkon hängen und will gar nicht mehr raus.P1230111P1230141P1230154P1230151P1230172Flüge nach Rio de Janeiro gibt es bei Air France via Paris oder mit KLM via Amsterdam.

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Best of Rio Carnival

Dieses Gefühl werde ich nie vergessen: 700 Meter lange Arena, voll mit 90 000 Zuschauern, alles still. Der erste Wagen rollt von rechts an den Start. Die große Uhranzeige mit roten Ziffern springt auf 00:00. Ein Trommeln erklingt und wie auf Knopfdruck setzt sich alles in Bewegung. Feuerwerk, Federn, Glitzer, Tränendrüsen – auf diesen Moment haben die meisten Brasilianer ein Jahr lang gewartet. Und es gibt nichts auf der Welt, was mehr mitreißt. Ist der Rio-Karneval vielleicht gerade deshalb die größte Party der Welt? In dem Moment denke ich zumindest, dass dieser Titel nichts mit der tatsächlichen Dimension zu tun hat. Lange habe ich nicht verstanden, wie das mit dem Rio-Karneval überhaupt funktioniert. Die Brasilianer sind nicht so gut im Erklären wie im Samba-Tanzen. Und fast jeder Tourist, der hinfährt, denkt sich: “Ok, also welches Ticket soll ich jetzt noch mal kaufen?” oder zumindest “Von welcher Tribüne sehe ich die Tänzerinnen am besten?”. Hier deshalb eine kleine Erklärung des Maxi-Kosmos Karneval.

Es gibt insgesamt vier Ligen, die erste und beste heißt Grupo Especial und hat zwölf Samba-Schulen mit je 60 000 Mitgliedern. Sechs davon laufen in der Nacht von Sonntag auf Montag, die anderen sechs in der Nacht von Montag auf Dienstag durch das Sambódromo, das 1984 erbaute Samba-Stadion, das nach hinten und vorne offen ist. 80 Minuten haben sie dafür Zeit und da wären wir wieder bei der roten Uhr. Jede Zeitüberschreitung bringt Punktabzug von der 40-köpfigen Jury. Denn was viele ausländische Zuschauer vergessen: Es geht hier nicht nur ums Wackeln und Spaß haben, sondern um großes Geld. Und um die Ehre. 400 Punkte kann jede Schule höchstens erreichen, es werden die Kostüme, die Choreografie und die Hymne beurteilt. Und wie gut die Schule das Motto, das jedes Jahr vorgegeben wird, umgesetzt hat. Knapp 10 Millionen Euro gibt jede Sambaschule jedes Jahr für ihre Show aus, das meiste finanziert durch Sponsoren und Tickets. Die Sieger werden immer am Mittwoch verkündet. Die besten drei bekommen eine dicke Prämie und die schlechtesten zwei steigen ab in die zweite Liga. “Karneval ist unsere Champions League”, erklärte mir mal ein Brasilianer. Vielleicht der erste, der es richtig auf den Punkt gebracht hat.

Was sind es für Leute, die bei den Sambaparaden mitmachen? Da die meisten Schulen in armen Stadtteilen (sind auch danach benannt) ihren Ursprung hatten, haben sie nur selten wohlhabende Mitglieder. Ausnahme sind eine gewisse Anzahl an Sponsoren und Berühmtheiten, die mitziehen dürfen, aber auch streng trainieren müssen, um es nicht zu vermasseln. Die wirklichen Mitglieder sind Krankenschwestern, Taxifahrer, Köche, schwarz, weiß, groß, klein, schwul, hetero, im Rollstuhl oder auch nicht. Ich habe eine Frau nach der Parade getroffen, sie war 85, einen Mann, der war taub. Und das ist auch das Besondere an Karneval – er ist wie Brasilien… Wenn man dabei ist, kann man den Menschen hinter den Masken ins Gesicht schauen. Sie bekommen kein Geld für ihren Auftritt, ganz im Gegenteil : Die Teilnehmer müssen das ganze Jahr lang auf das Kostüm sparen und Choreografien einstudieren. Sie machen es, weil sie Bock drauf haben. Und das macht ihre Show so sexy. Alkohol ist für alle Teilnehmer während der Parade streng verboten. Wer auch nur ein Bier trinkt, fliegt raus. Wer sein Kostüm vorher verrät oder bei Facebook postet, ebenfalls.

Aber wo sitzt/steht man nun am besten? Im ersten Block sind die Tickets zwar günstig, aber die Tänzer und Wagen positionieren sich hier erst, die Choreografie fängt erst später an. Das Gleiche gilt für das Ende vom Sambódromo, wobei es hier einen Vorteil gibt. Die Tänzer schmeißen ihre teuren Kostüme und Hüte nach der Parade einfach ins Publikum oder in die Mülltonnen – ich habe mir einen Hut mitgenommen und war der große Star im Flieger nach Hause. Mein Hut ist dann erste Klasse geflogen, weil er nirgends reingepasst hat. Ganz unten im Stadion sind Lodges für mehrere Personen (von hier sieht man am besten), je weiter nach oben, desto günstiger werden die Tickets (zwischen 200 und 500 pro Nacht, die Show geht bis sechs Uhr morgens). Wer cojones hat, kann versuchen, in eine der Sponsoren-Lodges reinzusneaken. Die schönsten Mädchen (Schauspielerinnen, Models, Moderatorinnen) hängen in der Regel in den beiden Bier-Lodges ab: Devassa und Brahma. Als ich da war, hat in der Devassa-Lodge Fergie aufgelegt und der Sohn von Hugh Hefner (wollte unbedingt ein Foto mit mir haha) war mit seinen Playmates da (oder denen von seinem Vater, man weiß es nicht). In der Brahma-Lodge daneben saß JLo. Aber selbst wenn man es nicht reinschafft: nicht traurig sein! Die Beste Show findet sowieso auf dem Asphalt statt.

Hier meine besten Shots aus zwei Nächten. Am Anfang sieht man, wie vor der Parade schnell noch angezogen und geschminkt wird. Der beliebteste Job dabei: Der Popo-Eincremer. Kein Scherz, den gibt´s wirklich. Seine Arbeitsaurüstung besteht aus einem Eimer voll mit Glitzer.P1180243P1180268P1180277P1180361P1180314P1180427P1180416P1180441P1180483P1180498P1180603P1180632P1180647P1180653P1180663P1180673P1180682P1180748P1180797P1180714P1180721P1180725P1180778P1180779P1180827P1180849P1180829P1180812P1180886P1180893P1180915P1180937P1190014Mit Cooper Hefner.P1190017P1180974P1190074P1190077P1180969P1180956P1190122P1190128P1190518P1190455P1190340P1190333P1190348P1190355P1190363P1190437P1190445P1190537P1190528P1190545P1190552P1190409P1190420P1190596P1190638P1190649P1190953P1190961P1190938P1190824P1190856P1190898P1190702P1190763P1190777P1190789P1190997P1200024P1190977P1200008P1200096P1200114Lest hier, hier, hier und hier meine Artikel über den Karneval bei bild.de. So wird am Strand von Ipanema gefeiert und so an der Copacabana vorgebräunt. Lest hier meine Geschichte über Rio in der BZ am Sonntag.

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Karneval in Trinidad: jeder kann mitmachen

Den größten Karneval der Karibik und den zweitgrößten der Welt nach Rio de Janeiro feiert man in  Trinidad&Tobago. In Rio war ich im letzten Jahr und es war mit Abstand die beste Party, die ich je erlebt habe. So sehr ich es aber auch versucht habe: bei der großen Parade im Sambodromo (nach hinten und nach vorne offener Stadion, wo die Sambaschulen mit ihrer Show durchlaufen) mitzumachen, grenzte an Unmöglichkeit. In Rio ist Karneval die wichtigste Angelegenheit überhaupt, es geht um Millionen, die Kostüme werden vorgegeben, die Choreografien müssen die Mitglieder der Sambaschulen schon Monate vorher genau einstudieren und die konnten einfach kein Mädchen aus Deutschland gebrauchen, das im falschen Moment vor der strengen Jury den linken statt den rechten Zeh hochhebt. Ganz anders ist es in Trinidad. Im Gegensatz zu Rio muss man hier kein Mitglied einer Sambaschule sein – jeder kann sich bei einer Band anmelden und ein Kostüm aussuchen. Auch Touristen. Als ich letzte Woche in der Hauptstadt Port of Spain war, wollte ich deshalb gleich am ersten Tag sehen, ob ich in Trinidad mit meiner Karnevalskarriere weiter vorankomme als in Rio.P1730067P1730062P1730068Ganz früh am morgen bin ich noch kurz aufs Dach von meinem Hotel, um einen kleinen Überblick über die Hauptstadt zu bekommen, in der ich erst bei Dunkelheit gelandet bin. Dann schnell zu der Werkstatt der beliebten Karnevalsgruppe Island People, bevor die besten Outfits weg sind. In Port of Spain gibt es etwa 50 von diesen so genannten Mas Camps (mas von masquerade).P1060563Derrick Lewis ist der Gründer und kreativer Direktor von Island People Mas Camp. Das Motto seiner Gruppe lautet beim kommenden Karneval (3.-4. März 2014) “Mystery, Magic, Marvel” und hier gibt es eine Übersicht der Kostüme. Alle Hüte hatte er am Vortag erst fertiggestellt, der Rest wird je nach Größenbestellung maßgeschneidert… wenn man bei den knappen BH-Schalen und Höschen überhaupt von Schneidern reden kann. Dafür zahlt man eine Pauschale ab 600 Dollar, bei der nicht nur das Kostüm, sondern auch Essen und Trinken an den beiden Karnevalstagen inbegriffen ist. Getanzt wird dann nicht wie in Rio zu Samba, sondern meistens zu Soca. Ist aber nicht weniger Shake dabei…P1730112P1060556Ich durfte einen Hut aus pinken Federn anprobieren. Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch bei einer Sambaschule in Rio schon mal ein großer Fortschritt (lest weiter unten warum), den ich gleich von allen Seiten auf Foto festhalten musste (danke an Tina!)P1730109P1730122P1730104P1060574P1730114Das ist die kleine Werkstatt von Island Peole Mas Camp. Unten zum Vergleich: Die riesige Fabrikhalle von der Sambaschule Unidos da Tijuca in Rio de Janeiro.P1170539P1170589P1170547Als ich die Schule im letzten Jahr besucht habe, wurde noch am Vortag vor der großen Parade genäht und gehämmert. Ich musste auf alle heiligen Jungfrauen Brasiliens schwören, dass ich den “anderen” nichts über die Kostüme verrate. Dabei wusste ich noch nicht einmal, wie die andere Sambaschulen überhaupt heißen…P1170556Es gab Kostüme, die sexy ausgesehen hatten und andere, die.. na ja – für Brasilien-Verhältnisse sehr bedeckt waren. Hier die geheimen Designer-Skizzen.P1170573Mich hat es besonders dicke erwischt. Als ich meinen großen Traum geäußert habe, einmal wie eine Samba-Tänzerin auszusehen, habe ich DAS zum Anprobieren bekommen. Ich weiß nicht genau was es darstellen sollte, ich habe mich jedenfalls gefühlt wie ein mongolischer Unabhängigkeitskämpfer. Jetzt kann sich auch jeder vorstellen, warum ich mich über meinen Hut auf Trinidad so gefreut habe. P1170534Die Pokale von Unidos da Tijuca. Nach meinem Besuch wurde die Sambaschule zum Karnevalssieger 2012. Zum Glück habe ich den anderen nichts über mein Outfit verraten, sonst wäre es bestimmt ganz knapp geworden… Lest meine damalige Geschichte darüber bei bild.de.P1200133Hier meine “Brüder” beim Einsatz im Sambodromo.P1200137Was ich in Rio lernen musste: Die sexy Federn-Kostüme sind nur ein kleiner Teil der Show. P1200099Wenn man Pech hat, ist man eine Mischung aus Lebkuchen und Vogelscheuche…P1200163… oder eine Schwalbe, die die ganze Zeit mit den Flügeln statt mit dem Popo wackeln muss. Aber jetzt ganz im Ernst: Der Karneval in Rio ist und bleibt für mich die unglaublichste Show der Welt. Wenn man aber mitmachen möchte und schon immer davon geträumt hat, eines der Kostüme zu tragen, ist man in Trinidad genau richtig. Mehr Infos zum Karneval in Trinidad&Tobago und die genauen Termine gibt´s hier.

Flüge: mit Condor via Frankfurt nach Tobago (ab 590 Euro/hin und zurück). Für 50 Dollar Fixpreis (hin und zurück) fliegt man jede Stunde weiter nach Trinidad. Auf der kleinen Insel Tobago gibt es zwar auch Karneval, in Trinidad finden aber die größten und die bekanntesten Feierlichkeiten statt.

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Lost auf dem Weg nach São Paulo

In meinem letzten Brasilien-Post habe ich Euch über São Paulo erzählt. Obwohl ich diese Stadt seeehr mochte, muss ich zugeben: Das Beste an São Paulo war der Weg nach São Paulo. Wir sind mit einem Mietwagen aus Rio de Janeiro (etwa 430 km) losgefahren (mit einem Stopp in Angra dos Reis und Parati, dazu später) und das Schönste, was uns passieren konnte, war es, uns zu verfahren. Zuerst sind wir in einem Nationalpark mit einer unglaublichen Aussicht und einem mysteriösen Voodoo-Haus gelandet. Und dann – als wir versucht haben doch noch den richtigen Weg zu finden – auf der größten Naturwasserrutsche der Welt. Das war ein riesiger flacher Wasserfall, an dem das ganze Dorf runtergerutsch ist. Na ja, zumindest die Mutigen und die Angeber. Und weil es so schön war, hier eine Anleitung, wie man sich richtig verfährt: 1. Verpasst Eure Ausfahrt und nehmt einfach die Nächste mit dem festen Glauben, dass sie auch ans Ziel führt 2. Dreht noch nicht einmal dann um, wenn die Straße einspurig und steinig wird und irgendwann ganz endet 3. Fragt die 15-Jährigen Dorfjugendlichen nach dem richtigen Weg, die unbedingt wollen, dass ihr länger bleibt. So einfach ist das!P1220455Da war es noch einfach mit der Beschilderung…P1220650Eine halbe Stunde und eine ganze falsche Ausfahrt später waren wir plötzlich auf einem Berg in irgendeinem Nationalpark gelandet. Mit einem verlassenen Voodoo-Haus ohne Fenster, dafür aber reichlich Tonfiguren…P1220655P1220659P1220657P1220652P1220727Warnschilder? Da ist bestimmt was Cooles dahinter! Und tatsächlich: Die größte Naturwasserrutsche der Welt steht auf einem weiteren Schild nach unten.P1220690P1220680Am Anfang beobachten die Dorfjugendlichen noch ganz skeptisch den Gringo, der sich hierher verirrt hat…P1220675dann erklären sie ihm die richtige Technik und schubsen an…P1220705… und rutschen selbst gleich hinterherP1220674Am Ende sind sie ganz große Freunde, die sich am besten niemals trennen würden!P1220714Es gibt schließlich noch viel zu lernen: Die ganz großen Profis rutschen auf den Füßen runter!P1220719 KopieEin “Swimmingpool” am Ziel ist die Belohnung für so viel Mut, doch wir müssen leider weiter nach São Paulo.P1220729P1220733Zu der Dorfdisko am Abend waren wir ohnehin nicht eingeladen… Kleiner Tipp für alle, die sich auch so verfahren möchten: Der Nationalpark und die Rutsche waren kurz nach Parati ausgeschildert.